Welche Momente herausgreifen aus der Zeit, in dem Lä auch in meinem Leben herumspaziert ist? Gibt so ein paar! Die erste, soll es sein.

18. November 2015

1987: Ein Tag vor dem Abgabetermin der Bewerbungsunterlagen.

München – Ohmstraße/Verwaltungsgebäude A/ T

Auf den letzten Drücker. 

Am Ende entscheidet doch das Gemüt, wie man es mit festgeschriebenen Abgabeterminen hält. Da sind die einen, die wohldurchdacht, fein strukturiert und mit entspannten Zeitpuffer nach hinten ihre Unterlagen per Einschreiben auf den Weg bringen und die anderen, deren Leben dieses kluge Vorgehen nicht zuzulassen scheint. Man könnte darüber nachdenken, ob die einen als Kaltstarter geboren wurden, während die anderen erst eine gewissen Betriebstemperatur erreichen müssen, um in Fahrt zu kommen. 

Sei es drum. Zu knapp war also damals meine Zeit, um dem Postweg über den Weg zu trauen.

Nach einer Nachtschicht auf der Intensivstation des Zentralklinikums in Augsburg also, rauf auf meine klapprige XT 500 und via Landstraße rüber nach München in die Ohmstraße.

Ich musste irgendwie an New York denken, als eine der wirklich

herzlichen und freundlichen Sekretärinnen der HFF, dann also eine rost-rote MAPPE, genauer die MEINIGE, auf einen von vier – wie es mein Langzeitgedächtnis mir zumindest heute wiedergibt – von vier geschätzt halshohen Türmen aus Bewerbungsmappen zum Liegen kommen ließ. 

Damit war es vorbei. Das war es schon. Nicht mal ein winziges Geräusch hat meine Mappe von sich gegeben bei ihrer Landung auf all den anderen Fantasien, Bilder, Welten, Hoffnungen, Ängsten, Wundern, Bierhefetabletten, Selbstgedrehten, Dunkelbieren. 

Soviel Aufregung die letzten Wochen, soviel Balancierarbeit zwischen „Ich will das u.n.b.e.d.i.n.g.t.!!!!“ und „Wer bist du, dass du dich hier bewirbst?!“

Na gut, wenn das der ganze Ausflug für heute gewesen sein soll?

Ich bin nicht nachtragend, ich bin nicht so leicht zu enttäuschen,

pah, ich fahre an den nächsten See zum Entspannen und genieße mein Leben bis mich wieder in wenigen Stunden irgendein namenloses Beatmungsgerät mit seinem penetranten Piepsen zum Handeln zwingen wird.

Ein deutlich unsicheres Gefühl schleicht mit dem Gedanken um die Ecke. Was wird werden? Bin ich talentiert genug, wenn ja, wird es erkannt? Einem inneren Impuls will ich nachkommen, mich so schnell wie möglich zu bewegen, nach dem hier keiner etwas von mir will.

Schlüssel drehen, in den Kickstarter treten. Nüschte! 25 Mal.

Ich will hier nicht festhängen, aber ich tue es. Ist das ein Bild, ein Omen, eine Intuition, oder bloß neurotisch. Bloß weil jemand paranoid ist, heisst das ja noch lange nicht, dass sie nicht hinter ihm her sind! Was sind das für Gedanken. Abstellen, jetzt! Die Bewerbungsgeschichte ist bereits geschrieben. Liegt in diesem Haus, vor dem ich nicht wegkomme.

Als dann das „Chirurgenbesteck“ des Bikers dann aber mal ausgepackt war und ich nach einigem Geschiebe und Abgerutsche an die Zündkerze kam, brach mir ein Schräuberl ab. Was in so einem Fall zu tun war, hatte mir mein damaliger 3. Exfreund nicht im Schnellverfahren beigebracht – dieser Arsch- wegen dem ich überhaupt erst den Einserführeschein gemacht habe. Mit dem Geld wäre ich viel lieber nach ... ist ja jetzt nicht so wurscht. 

Warum bin ich so reizbar?

Mir ist zum Heulen, ich will fluchen und lasse mich nicht. Nicht hier. Das mit dem Ausflug zum See wird eng, zwei Stunden schraube ich bereits ohne Erfolg. Fehlende Beharrlichkeit kann mir jedenfalls keiner nachsagen. 

Den Mann, der jetzt neben mir zum Stehen kam, betrachtete ich erst, als sich sein brauner Schuh, der aussah, als hätte ihn eine Schlange geboren und dann aus reinem Quatsch irgendwo abgesägt, einen meiner Schraubenschlüssel - mir nichts dir nichts - unter seinem Schuh rollte. What the …? Genauso lässig, wie er erst meinem Nummerschild und dann meinem Gesicht Aufmerksamkeit angedeihen ließ, raunt er mir hoffnungsfroh zu – wir verstehen uns- gänzlich ohne Blickkontakt: „ Aha Augsburg. Da sollen ja heutzutage auch schon Züge hin fahren?!“ 

Hab ich da ein kleines Lächeln ausgemacht in diesem Gesicht, war es spöttisch gemeint oder amüsiert? Galt es überhaupt mir oder feilte der Mann im Geiste an einer Rede für die Erhaltung historischer Städte unterhalb der Millionengrenze? Es schien dem Mann aber dabei nicht um Kontaktaufnahme mit mir zu gehen oder einen hilfsbereiten Wink in meine Richtung zu veräußern, denn er verschwand nun in der Tür, aus der ich vor Stunden gekommen war. 

In diesem obskuren Moment verweilte ich in einer Mischung aus, ist das ganze Leben nichts anderes als eine Art Bilderbuch durch das wir alle hindurch stolpern oder ist es jetzt doch tatsächlich Abend geworden, bis die Yamaha endlich anspringen und mich aus dieser Weltstadt hinaus knattern sollte?

Einige Wochen später, ihr lieben Mitstudenten, euch muss ich das nicht ins Gedächtnis rufen, versetzte mich das Leben in die vorderste Front des Hufeisens des damaligen Aufnahmekommitees der HFF. Diesmal konnte ich es ganz klar als freundliches, wenn auch schneidendes Spitzbubenlächeln identifizieren, als der Mann in dessen Gesicht dies Lächeln gehörte, mir zeigte, dass er mich wieder erkannte. „Na, ist es mit der schönen Zugfahrt doch nichts geworden?“

Ich durfte daraus wohl schließen, dass er mich von irgendeinem Fenster aus dem Ohmstraßenhaus beobachten haben musste.

Jedenfalls fiel ihm während der mündlichen Prüfung ein wenig später fast die Kippe aus dem Mund.

Daran war diesmal sein gröhliges Lachen schuld, nach dem Professor Müller die Frage an mich richtete, ob ich denn auch ein wenig über technisches Talent verfügen würde.

Seitdem hatte ich irgendwie das Gefühl, dass mir mein zukünftiger Professor etwas zutraut.

Ach. Lä!