Unsere allererste Begegnung war bei der zweiten Aufnahmeprüfung im Herbst 1986, einer schriftlichen Prüfung. Ich kam direkt aus meiner Heimat Island und als ich in meinem kleinen Langenscheids Universalwörterbuch „Deutsch-Isländisch“ hastig blätterte, kam er mit seinem Schmunzeln auf mich zu, und sagte mit seiner Lä-Stimme: „Ach, das brauchst du doch nicht! Kannst mich doch fragen, wenn Du ein Wort brauchst oder etwas nichts verstehst!“ Ich lächelte dankbar zurück und mochte ihn augenblicklich. 

Zu Beginn meines Studiums verstand ich etwa 2/3 Deutsch, sprach aber nur 1/6 Deutsch und kam mir wie ein kleines zwei-jähriges Kind vor. Mein Deutsch war für ihn ja gar kein Thema, Lä verstand mich immer...

Mein erster Film war aber ein Jammer. Ich hatte bis kurz vor Drehbeginn keine Ahnung was ich drehen sollte, keine Idee, nichts. Nur gähnende, quälende Leere, bei der ich immer an seine Worte: „Ich bin sehr gespannt auf deinen ersten Film!“ dachte, die meinen Zustand nicht besser machten. Ganz im Gegenteil. Und weil ich aus Ideenmangel fast dem Wahnsinn nahe war, drehte ich dann Szenen aus dem Leben einer verwirrten, geisteskranken Frau und erntete bei Lä nach der Vorführung nur die Worte: „Hm, der nächste Film, bitte.“

Gleich zu Beginn des Schuljahres gab es das Festival der Filmhochschulen, das Lä leitete. Ich war ganz begeistert v.a. von der Eleganz dieses Festivals und dem Luxus als HFF-Studentin eine solche Auswahl der Filme von FilmhochschulstudentInnen auf der Welt gleich jeden Herbst in München sehen zu können. Ich war auch begeistert davon, wie großzügig die ausländischen Studenten behandelt wurden. An alles wurde gedacht, sogar an die MVV Streifenkarten, die sie umsonst bekamen. Wir HFF-Studenten bereiteten das Festival vor, bauten die Kulissen auf, u.a. eine grosse Monitor-Leinwand, einige drehten die „Videozeitung,“ die auf der Monitor-Leinwand gezeigt wurde. An einem diesen Festivaltagen, an denen Lä die Gesellschaft ausländischer Filmhochschulprofessoren, u.a. Dick Ross, genoss und sehr gut gelaunt war, spendierte er mir, ohne dass ich darum gebeten hätte, ein Bier und ein Fernet-Branca, und sagte: „Du bist Isländerin, trink! Ich bin sehr gespannt auf deinen ersten Film!“ 

Bei meinem ersten Übungsfilm, ein Jahr später, fiel mir aber rechtzeitig etwas ein und ich schrieb ein Drehbuch über den schüchterne Hermann, der in der Heilsarmee sein Glück sucht, aber nicht dort findet, sondern woanders. Das Drehbuch gefiel Lä: „Ja, das ist originell, das machst du so.“ Ich stritt dann aber mit Ossie von Richthofen, dem damaligen Herstellungsleiter. Ossie: „Dieser Film ist viel zu teuer, er sprengt das Budget für den ersten Übungsfilm, den kannst so nicht machen!“ Ich wollte mich aber keineswegs von Ossie „begrenzen“ lassen und antwortete: „Ich muss den Film so drehen, werde das zusätzliche Geld auch auftreiben und auch wenn ich mich dafür verkaufen muss!“ Ossie: „Hör mal zu, Du siehst das ganze emotional, ich sehe das aber rational. Das geht so nicht...“ Lä platze in unseren Streit hinein und nachdem wir ihm erzählten was los sei, sagte er zu mir: „Rún, komm morgen wieder, dann haben wir eine Lösung für dieses Problem.“ Am nächsten Morgen kam ich wieder und Lä erklärte mir, es ginge so in Ordnung, ich solle den Film genauso drehen wie ich wolle, die HFF würde mir das Geld leihen, unter der Voraussetzung, dass ich jeden Pfennig zurückbezahlen würde! Ich flog in den siebte Himmel, drehte den Film , bezahlte alles zurück und als ich ihm die letzte Überweisungsquittung zeigte, nahm er mich stolz an die Hand und ging mit mir in alle Büros in seiner Abteilung III aber auch in der Abteilung IV und der Abteilung V und sagte zu den Mitarbeitern: „Schaut ihr euch diese Studentin an. Sie zahlt ihre Schulden. Das ist eine vorbildliche Studentin.“ Der Film lief dann zu allererst auf dem Filmfestival München, dann auf vielen anderen Filmfestivals, bekam einige Preise, lief einige male in TV. Siehe Margrét Rún und Hör auf zu heulen, Hermann.

Später wollte ich das gleiche Spiel mit meinem Abschlussfilm Laura von Albanien spielen. Mir fehlte das Geld für die Mehrwertsteuer. Nun lehnte Lä aber strickt ab. „Nur einmal mache ich so etwas.“ sagte er. Ich war zuerst stinksauer auf ihn, aber dann verstand ich. Das war eine sehr richtige und anständige Lektion. 

Lä schrieb für mich wunderbare Empfehlungsbriefe, die mich sehr glücklich machten und er gab mir einen Einzer-Abschluß. Und er sagte zu mir die schönsten Worte, die je einer zu mir als Filmregisseurin gesagt hat. Als ich ihn mal fragte was meine Stärke als Filmregisseurin sei, antwortete er zu meiner Verblüffung: „Originalität.“ Und als ich ihn fragte, was meine Schwäche sei, antwortete er nach kurzer Pause: „„Hehehe....Originalität.“ 

Einmal legte ich ihm einen Brief von meinem Rechtsanwalt auf den Tisch, weil ich um meine Anteile bei der Filmauswertung von meinem Abschlussfilm zu kämpfen meinte zu müssen. Das hat Lä überrascht ... aber auch amüsiert. Ein anderes Mal enttäuschte ich ihn sehr. Aus irgendwelchen Gründen, wollte er meinen Abschlussfilm, nicht für ein Festival freigeben. Ich verstand nicht wieso, die HFF hatte weniger als 20% der Rechte von dem Film. Die Festivalleiter waren wütend. Ich sagte ihnen: „Nun ja, vielleicht kann er meinen Erfolg nicht ertragen?“ Und mit diesem Satz konfrontierten die Festivalleiter Lä am Telefon. Das nächste Mal, als Lä mich sah, schrie er mich an. Und wie! Ich floh vor dem brüllenden Lä auf die Damentoilette, er riß die Tür auf, stürmte hinein und schrie weiter: „Wie kommst du auf die Idee, so etwas dummes über mich zu sagen!?!? Wie kannst du schlecht über mich sprechen, hinter meinem Rücken?!?!“ Dann stürmte er wieder heraus. Ich sackte zusammen und heulte. Ja das war wirklich sehr dumm von mir, lieber Lä.