Wie viele andere junge Menschen, die vom Film träumen, hatte ich mich an der Münchener Filmhochschule beworben und keine Zusage für die Prüfung vor Ort erhalten. Jedoch kam mit der Absage ein sehr ermunternder Brief eines Professor Längsfeld’s, der mir ein Beratungsgespräch vorschlug, damit ich mich im folgenden Jahr noch mal erfolgreich bewerben konnte. Doch diesen Termin finden, war schwieriger als gedacht. Bei einem erneuten Versuch nach über einem halben Jahr fiel Professor Längsfeld ein, dass er demnächst in Wiesbaden im Schloss sitzen würde, um ein paar Filme für die FSK zu bewerten. Da ich zu der Zeit in Wiesbaden lebte, schien das eine sehr gute Lösung. 

Also betrat ich zum ersten Mal das Innere des Biebricher Schlosses. Professor Längsfeld kam auch bald und gab sofort zu verstehen, höchstens 10 Minuten Zeit zu haben. Für eine junge ehrgeizige Frau, die so lange auf diesen Termin  gewartet hatte, ein kleiner Schlag ins Gesicht. Dennoch lies ich mich nicht von meiner Enttäuschung beeindrucken, sondern zeigte ihm, wie gewünscht, meine letzte Bewerbungsmappe. Ein kurzer Blick und er schien sofort die Mappe wieder zu erkennen. Überhaupt klang sein Ton wie der eines Bekannten und nicht eines Fremden. Er erklärte mir, dass meine Idee für das vorgegebene Thema, nicht sehr originell gewesen wäre, bei über 300 Bewerbern müsse man sich etwas mehr einfallen lassen, um heraus zu ragen. Aber die Umsetzung hätte ihm gefallen, da würde er ein Talent sehen. Wir sprachen über die Aufgabe für die  neue Bewerbung, die mittlerweile vor der Tür stand. Ich erzählte ihm, was ich vorhatte, er kritisierte ein paar wenige Punkte und endete damit, dass er nun gehen müsse und ich einfach was Gutes machen solle. Und dann war er schnell weg. 

Auf dem Weg nach Hause merkte ich, wie eine Wut in mir hoch kochte. Ich hatte mir vorgestellt, viele Stunden mit ihm eine inhaltliche Auseinadersetzung führen zu können und in weniger als 10 Minuten wurde ich mit dem Satz „machen Sie mal etwas Gutes“ abgespeist. Die Wut wandelte sich in den nächsten Tagen in Ehrgeiz, tatsächlich etwas Gutes machen zu wollen. „Ja, ich werde Dir zeigen, wieviel Gutes ich machen kann!“ wurde fast zu meinem Mantra der folgenden Wochen. 

Tatsächlich wurde ich dann zur Prüfung nach München eingeladen. Nach ein paar Prüfungstagen wartete ich vor einem Raum für das Kolloquium mit den Professoren. Die Mitbewerberin vor mir kam weinend raus und erzählte nicht sehr schöne Dinge, wie man mit ihr umgegangen war. Noch bevor sie zu ende erzählte, wurde ich aufgerufen. Mit einem mulmigen Gefühl betrat ich den großen Raum. Professor Längsfeld saß unter vielen Männern und einer Frau. Er begrüßte mich und sagte „Wir haben uns doch in Wiesbaden gesehen!“. Ich bejahte und ein anderer Professor scherzte, „so so, Du triffst also junge Frauen in Wiesbaden!“ Alle lachten, ich mit und sofort war ich sehr entspannt. Dementsprechend verlief das Gespräch sehr gut und ich wurde an der HFF aufgenommen.

Professor Längsfeld habe ich meinen ersten großen Erfolg mit einem Film zu verdanken, den ich ohne ihn nicht gemacht hätte: „ich bin tochter meiner mutter –  ben annemin kiziyim“.  Die HFF hatte von der EU Mittel bekommen, um ein gemeinsames Projekt mit einer türkischen Uni zu machen. Man hatte sich auf einen Dokumentarfilm mit dem Thema „Drei Frauengenerationen“ geeinigt. Lä war der Meinung, ich müsse einen Film über meine Familie und mich machen. Natürlich habe ich zuerst abgesagt. Ich wollte Spielfilme machen und keine Dokumentarfilme, und schon gar nicht über meine Familie, die ich mit 15 Jahren schon auf grausame Weise verlassen hatte. Lä lies nicht locker, ich solle wenigstens mit meiner Mutter darüber reden, außerdem müsse jede gute Spielfilmerin wenigstens einen Dokumentarfilm gemacht haben. Der Film, der ursprünglich höchstens 45 Minuten sein sollte, wurde am Ende 90 Minuten lang. Mit weiteren Fördermitteln drehten wir in der Türkei und in Deutschland. Die Berlinale zeigte den Film im Panorama, er lief auf vielen weiteren Festivals, bekam ein paar Preise, ist immer wieder Thema für Magister- und Doktorarbeiten, die sich mit Kunst, Kultur und Migrationsgeschichte befassen. Zwei ganze Jahre konnte ich von den Honoraren, die man mir zahlte, um mit dem Publikum zu sprechen, meinen Lebensunterhalt bestreiten. Aber das wichtigste überhaupt ist, dass durch diesen Film das Verhältnis meiner Familienmitglieder untereinander sich sehr gebessert hat. Das habe ich  Professor Längsfeld zu verdanken.  Vielen herzlichen Dank nochmals Lä!