Zum ersten Mal begegnet sind wir uns am Viktualienmarkt. Ich habe dort an einem Spezialitätenstand gejobbt, um meinen Aufenthalt in München zu finanzieren. Dieser Aufenthalt sollte darin gipfeln, dass ich an der Hochschule für Fernsehen und Film einen Studienplatz bekomme. Im ersten Anlauf war ich bereits gescheitert, aber das hielt mich nicht davon ab, mein Ziel weiter zu verfolgen. Nach der Ablehnung, die meiner Meinung nach, nicht sein durfte, habe ich in der HFF angerufen und einen Termin vereinbart, bei dem für die Abteilung Film – und Fernsehspiel Verantwortlichen, Professor Wolfgang Längsfeld. Er sollte mir Rede und Antwort stehen. Schließlich erfüllte ich, meiner Auffassung nach, alle Kriterien, um eine gute Regisseurin zu werden: Leidenschaft fürs Kino, Kreativität, politisches Bewusstsein und damit einhergehend die Illusion, Film sei ein Mittel der Weltverbesserung und nicht nur Unterhaltung.

Aus heutiger Sicht weiß ich, es war vielleicht ungewöhnlich, um einen Termin zu bitten, aber nicht ungewöhnlich vorgelassen zu werden. Denn zum Glück war Wolfgang Längsfeld interessiert an unangepassten, schrägen Vögeln. Als ich in sein Büro kam, erkannten wir uns, er, der Stammkunde am Käsestand, ich, die Aushilfsverkäuferin. Das hat ihm gefallen, auch weil meine erste Bewerbung ihm durchaus im Gedächtnis war: Die Story eines niederbayerischen Bürgermeisters, dessen Angeberei auf einer Urlaubsreise in Saudi-Arabien, ihm auf die Füße fällt, als die Scheichs plötzlich in der Kleinstadt auftauchen. Das Geschichtchen war zwar nicht nach „Lä’s“ Geschmack, aber sie ließ ihn schmunzeln und war zumindest „originell“. Unser Gespräch verlief locker und endete mit der Zusicherung, dass ich als Gasthörer an den Vorlesungen teilnehmen durfte, um mir ein Bild von der Hochschule zu machen. Ein erster Moment der Nähe, nach dem ich das Gefühl hatte, der Besuch der HFF ist genau das Richtige für mich. 

Es folgte ein Jahr als Gasthörer und dann bei der nächsten Bewerbung, gerüstet mit mehr Filmerfahrung, die Aufnahme an die Filmhochschule, Abteilung III, Film – und Fernsehspiel. 

Nähe und Ferne zu „Lä“ prägten die kommenden Jahre. Die Filmhochschule zu besuchen, war ein großes Privileg in jener Zeit. Es bedeutete, praktische Ausbildung im technischen sowie kreativen Handwerk des Filmemachens, freie Möglichkeit zum Ausprobieren und Verpflichtung zur gegenseitigen Unterstützung beim Filmemachen. Jeder Student machte zwei Übungsfilme und einen Abschlussfilm. Was man da machte und wie man es machte, war einem selbst überlassen. Hinter diesem System stand „Lä“, der „Nicht-Lehrer“, der Begleiter, der Provokateur, der sehen wollte, was in einem steckt. Damit war nicht eine Leistung gemeint, sondern ein künstlerisches Konzept, ohne das man, seiner Meinung nach, in der Filmwelt nichts zu suchen hat. Mancher Kommilitone konnte damit nichts anfangen - ich habe diese Freiheit manchmal geliebt, manchmal gehasst, vor allem dann, wenn „Lä“, meine Ideen als überambitioniert abgetan hat. 

Nähe und Ferne hat mich zwar nicht zu einer erfolgreichen Filmemacherin gemacht, aber mit seiner Art hat er mich herausgefordert, meinen Dämonen und Vorstellungen zu begegnen, an ihnen zu scheitern und am Ende zu erkennen, wer ich bin und trotz aller Misserfolge an dem festzuhalten, wovon ich bis heute überzeugt bin: Kino, die Kraft der Bilder. 

Nach der Hochschule haben sich unsere Wege räumlich zwar getrennt, aber „Lä’s“ Einfluss hat mir manches Mal eine Tür geöffnet, mir immer wieder weitergeholfen. Leise, ohne großes Aufsehen. Dann plötzlich kam die Nachricht seines Todes und sein Begräbnis - ein Wiedersehen, eine Feier seines Geistes, aus der die Idee geboren wurde, die Erinnerung an ihn und die Freiheit der unangepassten künstlerischen Selbstfindung lebendig zu halten. Gerne gebe ich in seinem Namen zurück, was ich bekomme habe: Die Zuversicht an die Kunst als etwas Notwendiges zu glauben.