Letzthin bin ich durch den englischen Garten in München am Chinaturm vorbei in Richtung Ausgang Kaulbachstrasse gegangen. Es war wie immer. Ich musste unwillkürlich an Wolfgang denken und an die Zeit, als ich sein Assistent an der Filmhochschule war. Ich habe ihn eigentlich nie “Lä” genannt, sondern immer bei seinem Vornamen.

Viel zu viel Zeit haben wir dann dort am Turm verbracht, meistens kamen die einschlägig Verdächtigen vorbei, allen voran Peter Zenk und Peter Przygodda. Es war Wolfgang wichtig Zeit zu haben, vor allen Dingen für seine Freunde. Michael Hild, King Ampa, Uschi Reich, Mike Wiedemann, Peter Fratscher, Bernd Schwamm, Uli Edel oder auch Bernd Eichinger, das waren feste Bezüge für ihn.


Wolfgang war sein eigener Kosmos mit eigenen Wertigkeiten. Ich war da als gerade absolvierter Student eher ein Betrachter von aussen. Was ihn aber nicht daran hinderte, viel zu erzählen, von der Flucht als Kind nach Deutschland am Kriegsende, der Studienzeit in München, den ersten improvisierten Schritten zur Filmhochschule. Zusammen mit Doris Herzog, Ulrich Kurowski und Helmut Färber war das Quartett der Filmabteilung entstanden. Es verband sie so etwas wie innige Ablehnung, eine äusserst diverse Führungsschicht, an die man sich erstmal gewöhnen musste.

Es gibt so viele Fragen des Lebens, zu denen er ein wichtige Kapitel beitragen hat. Warum das nächtliche Tragen von Sonnenbrillen vor zu grellem Licht schützt oder zwei Dosen Bier für eine Autofahrt nach Verona reichen. Warum 16mm Schmalfilm ist und man immer das Budget des Films wissen sollte, an dem man gerade dreht. Warum der beste Ort um Drehbücher zu lesen ein Langstreckenflug von Europa nach Afrika und Rotwein am Nachmittag Medizin ist. Warum der Citroen CX eher ein Gleitfahrzeug ist und Bayern bei einer Abstimmung für die Unabhängigkeit wäre, was sie ja mit den Katalanen und den Südtirolern gemeinsam haben. Warum Samstag Vormittage in ein griechisches Lokal namens Karamanlis gehören und Feuer im Herbst nach Warngau.


Ein Reisender auf der Flucht ist er immer geblieben, Unruhe beherrschte seinen Geist. So ist es nicht verwunderlich, dass die Reisenden irgendwann zu ihm kamen. Diese Zusammenkünfte in der gemeinsamen Sache Film wurden zu seinem Lebensinhalt und es war schön, in der Gründerzeit des Studentenfilmfestivals die ungeheure Energie mitzuerleben, die er versprühte. Es war eine Zeit des Aufbruchs, in der alles möglich schien. Und auch da waren es Freundschaften, die herausragten, wie zum Beispiel die zu Dick Ross, dem Leiter einer der Filmschulen in London. Unendliche lange Abende reihten sich aneinander, damals im Filmmuseum. Als ich dann am 

15. Oktober 2019

nächsten Morgen sehr müde zu den Vorführungen kam oder Vorlesungen zu organisieren hatte, schmiedeten die Beiden schon wieder munter Pläne für ihre nächsten Großtaten.


Ich bin ja vom Sternzeichen ebenfalls ein Fisch und ich weiss aus eigener Erfahrung wie sensibel und verletzlich wir sein können. Das traf für Wolfgang sicherlich auch zu, obwohl er sehr gute Mittel entwickelt hatte, das zu verdecken, leider auch manchmal zu meinem Leidwesen. Da gab es dann eine Unzugänglichkeit, die man auch leicht als Ablehnung missinterpretierten konnte. Umso erstaunter war ich dann, wenn das Ignorierte einige Tage später von ihm munter aufgegriffen wurde.

Zu meinem Abschied schenkte er mir einen Stadtplan von Sindelfingen, weil ich mich entschieden hatte in die Produktionsfirma von Roland Emmerich als Herstellungsleiter einzutreten. Seine ganz eigene Art von Humor. Man muss dazu wissen, dass zu dieser Zeit eine ganz erbittert geführte Fehde zwischen den Emmerich einerseits und der Hochschule andererseits herrschte. Streitbarkeit gehörte sicherlich auch zu Wolfgangs Repertoire. Das war 1986, es ist also schon ein paar Donnerstage her, um genauer zu sein über dreissig Jahre.


Danach vergingen die Jahre und ich sah ihn noch zu dem einen oder anderen Anlass, aber so plötzlich wie wir eine intensive Zeit miteinander verbracht hatten so grüsste man sich dann aus der Distanz.

Das letzte mal sah ich ihn in der Tür eines griechischen Lokals in Schwabing, wo er telefonierend und Marlboro rauchend stand. Ein flüchtiges “Das Alter ist grausam” rief er mir zu, ohne mir Gelegenheit zu geben darauf zu antworten. So zog ich mit meinen Kindern weiter die Isabellastrasse hinunter, nicht wissend, das sein letztes Bankett auch dort stattfinden sollte.


Viele Orte erinnern mich bis heute an Wolfgang, so habe ich die letzten zwei Sommer im Landkreis Miesbach gedreht und viel mit der Gemeinde Irschenberg zu tun gehabt. Lange Reisen, ferne Orte aber auch Nähe, und seien es nur die Pfälzer Weinprobierstuben in der Residenz. Oder der Wolfgangsee, zu dem ich ihn aber nie hinbegleitet habe.


Eine Frage führte bei Wolfgang immer zur nächsten und so wurden die Abende meistens lang. Was mich an einen Gedanken eine befreundeten Künstlerin erinnert.

One question leads to another, this is what art is about. Would it be about answers, it would be religion.