DRY EARTH

Dry earth,

endless nights.

(Wind among the olive trees, 

Wind in the mountain heights.)

Old

Earth

of lamplight

and sorrow. Earth

of deep-dug cisterns.

Earth 

of eveless death

and of arrows.

(Wind along all the paths,

Breezes among rows of trees.)

Frederico Garcia Lorca

(from “Poems from the Solea”)

 1989 Wilhelm Holderied / Verlag Obalski & Astor, ISBN Nr. 3-922645-13-5

TROCKENE ERDE

Werkstattbuch 2 Titel: Die Wurzeln – das Echo – die Ufer,

Trockne Erde,

ruhige Erde

unendlicher

Nächte.

(Wind in den Oliven,

Wind auf den Berghöhn.)

Alte

Erde

des Öllichts

und des Kummers. Erde 

der tiefinnern Zisternen.

Erde

des Todes ohne Augen

und der Pfeile.

(Wind auf allen Wegen,

Brise durch die Baumalleen.)

Federico Garcia Lorca

(aus dem »Gedicht von der Soleá«)

Wilhelm Holderied

ZWISCHENFELDER FIELDS BETWEEN Werkstattbuch 5 

Atelier Wasserkraftwerk Eitting

Seite 8

Hirmer Verlag München 2002, ISBN 3-7774-9640-5

Text von W O L F G A N G L Ä N G S F E L D:

ENERGIEN

Ein Sonntag Mittag im März 2002. Ein flaches Stück Ober-bayern mit schwarzem Boden. Die Geister vom Erdinger Moos sind gegenwärtig. Dem Moosgeist wurde kein Denkmal gelegt. Stattdessen entstand ganz in der Nähe beim neuen Münchner Flughafen, der sich ins Moos duckt, eine „Insel für die Zeit”. Vom Flugzeug aus sieht sie aus, als seien ihre spiralig in eine Welle auslaufenden Furchen eine erstarrte Bewegung des Wassers. 

 Wasser stürzt durch dicke Rohre aus dem Isarkanal in die Schaufelräder riesiger Turbinen und erzeugt Strom. Wir sind in Eitting im Erdinger Moos. Im Wasserkraftwerk. Ein Ort, als seien wir in einem Science-Fiction Film aus den jungen Jahren der Kinematographie, als gäbe es keine Diskussion über alternative Energien. Ein industrielles Denkmal in voller Funktion. Baujahr 1924. 

 Dann ein Raum, oval, riesig, ohne Fenster, nur mit einem harmonisch in die Decke gefügten Oberlicht. Der Raum ist seiner ehemaligen Funktion als Steuerzentrale entkleidet. Ein magischer Ort, wie eine leere Kathedrale oder wie das Innere eines Ufos, wie ein U-Boot von Jules Verne. 

 Darin Willi Holderied, der Mann, der dem Moosgeist ein Denkmal setzen wollte, aus dem die „Insel für die Zeit” geworden ist. Bilder, Skulpturen, Skizzen, Angefangenes, Vollendetes. Panta rhei, alles fließt, auch die unerschöpfliche Energie des Künstlers. Eine Energie, ständig geladen und aufgeladen im Spannungsfeld der Energien des Wassers und des Stroms, der fließt wie das Wasser. Deshalb heißt er so. Da steht einer unter Strom. „Nur ein toter Fisch schwimmt mit dem Wasser”. 

 Die Schaufelräder der Turbinen sind zu Propellern an bunten Booten geworden. Das Wasser ist als Wellen in den Bildern gegenwärtig. Das größte von ihnen ist für e.on, die das Wasser zu Strom machen, ihn verteilen, verkaufen, die Turbinen bewegen und Holderied unter Strom halten. Aber in die Wellen auf dem Bild für e.on hat Holderied wachsame 

Augen gemalt. 

 Schon immer haben Künstler Großes im Auftrag geschaffen. Ich denke an Matthias Grünewald, der den Isenheimer Altar im Auftrag des elsässischen Klosters zur Warnung vor den Gefahren der Pest geschaffen hat. So nebenbei war Matthias auch Farbenhändler und Spezialist für Springbrunnen. Wieder das Wasser, seine Energie, seine Ästhetik.

 Das Sakrale und das Profane und die Kunst leben dicht beieinander. Plötzlich das Gefühl, das Oberlicht könnte auch ein Auge Gottes sein, der hier Materie in Energie verwandelt. 

 Ich kenne in der ghanaischen Urwaldstadt Kumasi einen Maler, der sein Straßenbudenatelier Almighty God Artworks nennt. Bei ihm vibriert die Luft. Hier in Eitting vibrieren die Fußsohlen noch eine Stunde später. Holderieds in Eitting 

entstandenen Werke vibrieren mit all diesen Energien.

Wilhelm Holderied

ZWISCHENFELDER FIELDS BETWEEN WORKBOOK 5 

Studio Eitting Hydroelecric Plant

Seite 8

Hirmer Verlag München 2002, ISBN 3-7774-9640-5

Text by W O L F G A N G L Ä N G S F E L D:

ENERGIES

A Sunday afternoon in March 2002. A flat piece of Upper Bavaria with black soil. The spirits of Erding Marsh are present. No monument was built for the marsh spirit. Instead, 

"An Island in Time" was created very close to Munich's new airport, which sprawls across the plain. Viewed from the window of an airplane, the work of land art looks as though its spiraling furrows were frozen movements of water losing themselves in waves. 

 Water from the Isar Canal cascades through huge pipes, strikes the paddlewheels of gigantic turbines, and generates electricity. We're at Eitting in Erding Marsh. At the hydroelectric plant. A place that makes us feel as though we were on the set of a science fiction film from the early days of cinematography, as though there were no debate about alternative sources of energy. An industrial monument that's still in 

operation today. Built in 1924.

 Then a room – oval, enormous, windowless, with a skylight harmoniously inset into its ceiling. Divested of its former function as a control room, this is now a magical space like a vacant cathedral, the interior of a UFO or a Jules Verne submarine.

 Inside it stands Willi Holderied, the man who wanted to build a monument for the marsh spirit, the project which ultimately evolved into "An Island in Time." Paintings, sculptures, sketches, works in progress, completed artworks. Panta rhei, everything flows, including this artist's inexhaustible energy. An energy that's constantly recharged and renewed in the field of tension of the energies of water and electric current, which flows like water. That's why it's called "current." This is where the currents electrify him. "Only a dead fish swims with the current." 

 The paddlewheels of the turbines have become the propellers of brightly colored boats. The water is present as waves in the paintings. The largest one is for e.on, which generates, distributes, and sells the electricity made by the water that turns the turbines and keeps Holderied charged with energy. But in the waves on the painting for e.on, Holderied has painted wakeful, alert eyes.

 Artists have always created greatness on commission. I'm thinking, for example, of Matthias Grünewald, who was commissioned by an monastery in Alsace to create the Isenheim Altar as a warning against the dangers of the plague. In addition to his career as a painter, Grünewald was a merchant of paints and pigments for artists and a specialist for fountains. Here again, the water – its energy, its aesthetic. 

 The sacred, the profane, and the arts dwell in close prox-imity to one another. Suddenly, the feeling that the oval skylight could also be an eye of God, who transforms matter into energy here.

 In Kumasi, a city in the jungles of Ghana, I know a painter who calls his street-side, booth-like atelier "Almighty God Artworks." The air inside his studio vibrates. Here in Eitting, the soles of one's feet continue to reverberate an hour later. The artworks that Holderied created in Eitting vibrate with all these energies.

Wilhelm Holderied 

...ZWISCHENFELDER...

Katalog Kronacher Kunstverein / Stadt Kronach

Seite 8-11 Ausstellung im Fürstenbau der Festung Rosenberg, Kronach 

ISBN 978-3-922162-39-1

W O L F G A N G L Ä N G S F E L D:

HOCH, HINAUS!

 Vor den Bergen, aber schon in der Ebene steht ein hoher, einsamer Felsen. Er sieht aus, als sei er ein oben spitz zulaufender Vulkanschlot. Auf der leicht abgeflachten und nach unten eingedellten Spitze steht ein junger Mann. Er ist nackt, muskulös und trägt einen Bart. Vor ihm erstreckt sich eine Ebene, zuerst als ockerfarbene Wüste, dann wird es grüner. Ganz fern am Horizont sieht er das Meer.

 Der junge Mann hat die Arme zur Seite hin ausgestreckt. Er dreht sich und dreht sich. Langsam, als stünde er auf einer Töpferscheibe. Die kreisende Bewegung kommt zum Stehen. Er blickt in die Ebene. Durch seinen Kopf schießt für eine Sekunde die Frage: wie bin ich hier heraufgekommen? Dann ist die Frage gleich wieder und ohne Antwort weg.

 Der junge Mann hat das Verlangen, die Sehnsucht, das was er um und unter sich sieht, von noch höher oben zu sehen. Er fängt an, die Arme auf und ab zu schlagen. Er ver-sucht, die vielen Vögel zu imitieren, deren Flug er beobachtet hat. Er möchte fliegen. Es will ihm nicht gelingen. Er schaut auf seine Arme. Da sind ihm rote Flügel aus einem Material, das er nicht kennt, gewachsen. Er schlägt seine Flügel kräftiger und schneller. Aber seine Füße stecken in so etwas wie Morast. Er blickt hinab zu den Füßen. Die sind im Schlamm versunken. Er ist dick und zäh und ockerfarben. Wie bei Filmaufnahmen, die mit Zeitraffermethode aufgenommen wurden, wachsen Blumen aus dem dicken Brei.

 Er erhöht den Flügelschlag, geht in die Knie und versucht, die Beine und Füße frei zu bekommen. Der einzige Effekt ist bloß ein akustischer. Es quietscht etwas, wenn er einen Fuß ein wenig heben kann. Dann sackt das Ganze wieder zurück. Er sitzt fest. Eine letzte Anstrengung. Ein noch stärkeres Flügelschlagen. Mann, ich kann das!

 Dann kann er seinen linken Flügel nicht mehr bewegen. Er hört eine vertraute Stimme, sanft, aber bestimmt! Willi, Willi, hör endlich auf damit! So geht das noch eine Weile. Er kann nicht gleich aufhören, seine Füße aus dem Schlamm zu ziehen. Dann wacht er auf. Sein Kopf ist noch im Himmel. Seine Füße stecken noch im Morast.

 Neben dem Bett auf dem Teppich liegt seine Gefährtin, nur mit einem seiner Hemden bekleidet, auf ihrem Bett-zeug und hält seinen Arm fest. “Hör endlich auf mit deiner Ruderei! Du hast mich aus dem Bett geschmissen.” Willi entschuldigt sich etwas hilflos. “Komm zurück. Ich wollte grad fliegen. Ich wär auch fast abgehoben, aber ...” sie sagt einfach und fast wach: “Erinnere Dich, was der Karl Valentin seinem Buben im “Antentraum” gesagt hat: wie oft hab ich Dir das Träumen schon verboten!”

 So ist das mit dem Willi Holderied. Und er weiß das: “Mit dem Kopf bin ich immer weit oben, aber die Füße sind in der Erde verwurzelt.”

 Sein Vater hat den Sohn Willi erzieherisch hart her-genommen. Die Mutter war weich und verständnisvoll. Willi hatte das Gymnasium geschmissen. Sein Vater hatte ihn mehr oder weniger dazu verdonnert, die Lehre eines Malers zu beginnen. Der Bub aus dem Allgäu sollte in seine Fußstapfen treten. Er hatte schon ein paar Kämpfe. Obwohl er sich in seinen jungen Jahren kaum bis gar nicht für Kunst interessiert hatte, keimte eine Sehnsucht in ihm. Er ahmte Arbeiten von Paul Klee nach, versuchte sich im Schreiben von Gedichten. Das mag er heut nur en passant erwähnen. Die Kreativität bahnte sich den Weg durch den Morast des irdischen Schlamms und fing an, erste Keime zu treiben.

 Willi Holderied war und ist ein Sportler. Er steckt voller Energie. Sein Händedruck ist der eines Schmieds, eines im Bergsteigen geübten Schmieds. Wenn man seine Eisen- und Stahlskulpturen anschaut oder gar in die Hände nimmt, spürt man es. Er muss die Dinge, auch die, die er macht, anfassen und befühlen. Nichts bei ihm ist flach und glatt wie die Oberfläche der Malerei. Während seiner Malerlehre hat er stärker denn je den Drang zur Kreativität verspürt. Kaum war die Meisterschule abgeschlossen, bewarb er sich an der Münchner Kunstakademie und wurde angenommen. Zuerst war er in der Klasse von Professor Nagel, aber da ging es ihm zu “vergeistigt” zu. Der Bergsteiger, der Reiselustige, der Abenteurer wollte mehr. Das Mehr fand er in der Klasse von Professor Oberberger.

 Es gab ein paar Konflikte mit seinem Lehrer, aber die beflügelten die Kreativität. Es entstand ein fast freundschaftliches Verhältnis. Zu dieser Zeit war auch der hochverehrte Karl Fred Dahmen Professor an der Münchner Akademie. Seine geheimnisvollen Objektkästen aus der Gruppe der “Chiemgaulegenden” blieben nicht ohne Einfluss auf den Studenten Holderied. Hier trafen sich ländlich Urmythisches und Modernität, die nichts mit Modischem zu tun hatte. Vielleicht ging Holderied hier zum ersten Mal auf, dass die Gleichzeitigkeit von Bewusstem und Unterbewusstem ein Schlüssel für seine Kreativität ist, ohne dass er weiß, zu welchem Schloss der Schlüssel passen könnte.

 Das hielt den Willi nicht davon ab zu reisen. Mit Freunden, allein oder mit Freundinnen. Die erste Flugreise war kurz. München - Düsseldorf und zurück. Natürlich saß Holderied aufgeregt am Fenster. Er sah die Erde und ihre Landschaften aus viel höherer Perspektive als von seinen geliebten Berggipfeln. Wieder sollte seine Kunst davon stark beeinflusst werden.

 Wenn man seine frühen Objektkästen betrachtet, sind da Teer und Asphalt zu sehen: die Draufsicht des Naturburschen, der die Oberflächen der Stadt entdeckt. Das Prinzip Draufsicht verfestigte sich. Die haptische Sinnlichkeit der Strukturen von Oberflächen wurde zum Prinzip oder besser zur wesenseigenen Sichtweise. Der Junge, der fliegen und reisen wollte, hatte seinen Stil gefunden.

 Diesem Stil ist er bis heute treu geblieben. Holderied hat mir vor Jahren einen Objektkasten geschenkt. Aus einer von Dürre zerrissenen, ockerfarbenen Oberfläche sprießen Plastikblumen. Wenn man den Kasten an die Wand hängt, sieht das irgendwie absurd aus. Die Blumen wachsen waagerecht in den Raum. Wenn man den Kasten auf den Fußboden legt und so die Blüten nach oben sprießen, ist alles wunderbar logisch und ästhetisch schön, regt zum Nachdenken an und macht den toten Kasten lebendig und voller Hoffnungen.

 Die Strukturen der Erde ließen Willi Holderied nie wieder los. Seine zahlreichen Reisen hatten ihn viel nach Lateinamerika, vor allem nach Mexiko gebracht, dahin also, wo die Erde wüste Gegenden hat, in denen aber immer Leben zu finden ist.

 Es ging Willi Holderied wie mir. Im Museo Antropologico in Mexico City, aber auch in den vielen Galerien der Ciudadela, in Coyoacan oder San Angel oder vor allem in Peru öffneten sich seine Augen für die lebensfrohe Farbig-keit und Phantasiefülle Mexikos und Lateinamerikas. Es war wohl - so habe ich es jedenfalls empfunden - diese einmalige Kombination aus indianischen und kolonial-christlichen Traditionen, die ihren Sog ausübte. Das schwarze Afrika südlich der Sahelzone hat Holderied leider selten kennen gelernt. Er sollte das nachholen. Auch in der Karibik und bei den australischen Ureinwohnern gibt es solche Kunst. Quellen der Inspiration. Da ist er gewesen.

 Nicht umsonst gehört der große spanische Künstler Antoni Tàpies zu seinen Favoriten. Auch er hatte die Erde, ihre Strukturen und Verletzungen zum Thema vieler seiner Arbeiten gemacht. Auf Erdstrukturen setzte er oft Zeichen der menschlichen Traditionen und Kreativitäten. Das Kreuz, meist aus seiner christlichen Horizontal-Vertikal-Position gekippt, auch bei Holderied können wir dem Motiv begegnen.

 Holderied, der Mann der Berge und der Natur, wollte in Landschaften immer auch sehen, was die frühen Menschen in ihnen gesehen hatten, die Heimstatt von Geistern, alten Fabelwesen und Urbildern.

 Seine Stunde war gekommen, als im Erdinger Moos vor München der neue Flughafen geplant wurde. Er wollte ein Zeichen setzen, ein Zeichen in Erinnerung an all die gespenstischen Wesen, die der Mensch schon immer in Mooren und Moosen gewusst hat. Er meinte, sie würden durch das Großprojekt aus ihrer angestammten Heimat vertrieben. Er wollte ihnen ein Denkmal setzen. Auf der Erde, in der Erde, nur von oben, vom Flugzeug aus richtig zu sehen. Draufsicht eben.

 Holderied entwarf und konzipierte unermüdlich. Ein “Moosgeist” entstand, ein spatenförmiger Kopf von großer Eindringlichkeit. Er sollte in einem Feld in einer Flugschneise liegen. Die langen Verhandlungen blieben erfolglos. Kurzer Bescheid der Flughafengremien: Der Moosgeist könnte Flugreisende irritieren oder gar verängstigen. Das geradezu archetypische Motiv hat Willi Holderied bis heute nicht verlassen. Er taucht in vielen seiner Arbeiten wie von selbst wieder auf.

 Holderied musste umdenken. Er ist ein Kämpfer und gibt nicht so schnell auf. Er konzipierte seine größte Erdskulptur “Eine Insel für die Zeit”. Die aufwändige Struktur entwickelt sich aus einer großen Spirale, die in eine kleine Spirale übergeht und dann in der Landschaft verfließt. Mit gut 263 Metern Länge und einer Breite von fast 168 Metern ist sie aus der Vogelperspektive des Fliegers oder des Flug-reisenden in all ihrer Harmonie und ihrer witterungs bedingten Veränderungen bestens zu sehen. Panta Rhei. Alles fließt. Nichts bleibt einfach so stehen wie ein antiker Tempel, dem schließlich auch die Zeitläufe Veränderungen aufzwingen. 

 Wenn man das Fließen und Gleiten erlebt, schwingt etwas wie Musik. Die inneren Ohren bleiben nicht stumm. Holderied ist auch ein Musiker. Sein Instrument ist die Flöte. Diesen Mann, der immer alles von oben will, habe ich mehrfach an Seilen hängend und schwebend über seinem Publikum erlebt, wie er trotz allen körperlichen Aufwands noch auf der Flöte spielte. Ehrlich gesagt, ich fand das immer etwas angestrengt, um nicht zu sagen albern.

Dann erst vor kurzem hat er mir eine wunderbare Flöte gezeigt, die er aus einer abgebrochenen Mistgabel gefertigt hatte. Der Stiel war ausgebohrt und Grifflöcher herausgearbeitet. Es ist ein wunderbares Objekt. Er hat mir nichts darauf vorgespielt, weil die Mistgabel-Flöte nicht recht 

gestimmt oder abgestimmt gelungen sei.

 Willi Holderied gibt zu, einst ein Angeber gewesen zu sein. Er ist hoch geklettert und tief gesprungen, um sich und anderen etwas zu beweisen. Er hat sich dabei auch bös verletzt. Das mit der Angeberei ist ja offen und ehrlich, aber ich glaube, er hatte mehr im Sinn. Er dachte, im Fall könne er vielleicht doch in Gleiten und Fliegen übergehen. Auf die Idee, das Fallschirmspringen zu erlernen ist er glaub ich nicht gekommen.

 Aber wahrscheinlich ist er vor lauter Arbeit bloß nicht dazugekommen. Rund um seine großen Arbeiten entstanden und entstehen eine große Zahl von Reliefbildern. Zum Moosgeist, zum Erdzeichen am Flughafen, zu den Wassermotiven, die ihn fast so faszinieren wie die trockenen Erdoberflächen. Dann ist da noch die ansehnliche Zahl von Eisen- und Stahlskulpturen. Die meisten von ihnen sind in angenehm handlichem Format und auch noch mit den Händen zu tragen.

 Aber immer, wenn sich bei Holderied im Atelier kleine Bilder, Skulpturen und Modelle anhäufen, weiss man schon : Er hat Größeres im Sinn. Er plant wieder Großprojekte, eine Wasserskulptur, ein Monument für die Winde, schwebende Objekte für große, repräsentative Eingangshallen, deren kalte Strukturen der modernen Architektur der Belebung durch signifikante Zeugnisse der frei-schwebenden Kreativität bedürfen. In der Tat hat Willi Holderied wieder einige Großprojekte in Planung.

 Die kleineren Arbeiten dienen der Finanzierung des Eigenanteils, ohne den auch in der Kunst nichts geht. Holderied hat mit seinem Sinn für Poesie und griffige Titel einmal einer Ausstellung das Motto “Das Gewicht der Zeichen” gegeben. Er meinte nicht nur das materielle Gewicht, er hat auch das Gewicht gemeint, das die Zeichen tief in unser Unterbewusstsein, auch in das kollektive Unterbewusstsein einer Gesellschaft einsinken lassen, bis sie vergessen scheinen. Holderied und ein paar anderen Künstlern gelingt es, diese archetypischen Zeichen wieder heraufzuspülen. Wenn sie dann vor uns stehen, sind sie auf eine ganz und gar nicht intellektuelle Weise verständlich, vertraut und geheimnisvoll. Sie brauchen die Ratio nicht. So sollte Kunst sein. Sie bedarf nicht all der verschrobenen, von kaum verständlichen Termini geprägten Elaborate einiger Autoren, die ihr Denken und ihre Sprache in kunst-historischen oder kunstphilosophischen, meist aber nur theorieträchtigen Seminaren gelernt haben.

 Kunst ist sinnlich und sie sollte zuerst mit den Sinnen verstanden werden.

 Im Süddeutsche Zeitung Magazin Nr. 46 vom 16. 11. 2007, das der Mailänder Künstler Francesco Vezzoli gestaltet hat, habe ich eine Notiz von ihm gefunden, die ich für diesen Artikel aufgehoben habe: “Was ist das Reale? Das Irreale? Dem Anschein nach das Gegenteil. In Wirklichkeit dasselbe. Fast dasselbe. Nur ein dünner, immer weniger greifbarer Faden unterscheidet sie, trennt sie.”

 Kunst braucht für den Kunstfreund keine oder nur sehr wenige Fachbegriffe. Freilich, es gibt die realitätsbezogene Kunst, die abbilden will, es gibt die abstrahierende, die hinter den Strukturen her ist, und die gegenstandslose Kunst, die innere oder manchmal bloß ästhetische Bildwelten schafft. Alle haben ihren Sinn, ihre Moden und Zeiten, die oft genug recht kurzlebig sind. Das 20. Jahrhundert, dessen Kinder - Nachkriegskinder natürlich Holderied ebenso wie ich sind - war voller Ismen und Theorien und Strömungen und Moden. Man konnte grad versuchen mitzukommen.

 Holderied hat sich solchem Treiben entzogen. Er ist er, er ist Willi Holderied. Vom Fliegen berauscht, von Strukturen fasziniert und ein unermüdlicher Arbeiter in zwei Werkstätten, nicht nur ein leidenschaftlicher Künstler, sondern auch ein ebenso passionierter Büchermacher. Er weiß wie wir alle, dass unsere Zeit auf dieser Erde begrenzt ist. Ihn schert es nicht, ob die Höhlenmalereien in Frankreich oder Australien gegenständlich oder abstrakt sind. Sie sind immer noch da, wenn auch anonym.

 Der Sternenflieger Holderied möchte, dass etwas bleibt von dem, womit er sein Leben verbracht haben wird. Daher die Großobjekte, daher die Eisen- und Stahlskulpturen, daher endlich auch die Bücher. Einige Exemplare werden Zeiten überdauern, andere werden wie so vieles mit Nachlässen verrümpelt werden. Vieles wird bleiben. 

 Holderied, der Flieger, der Bergsteiger, der Abenteurer, der Arbeiter hat in seinem Hinterhof in der Rumfordstraße sicher schon oft Spatzen beobachten können. Wenn sie auf einem Fenstersims sitzen und hoch oder hinaus fortfliegen wollen, lassen sie sich erstmal einfach fallen und breiten erst dann die Flügel aus.

 Der Junge ist keine sechs Jahre alt. Er ist nackt. Er sitzt im Obstgarten auf einem Ast, lässt sich fallen, fliegt davon, umkreist die Erde, um Schwung zu holen, nimmt Kurs auf den Mond, er meidet die Sonne, schwebt bis zu Mars und Saturn. Den umkreist er zwei Mal. Dann kommt das Ende seiner ersten Flugreise: “Willi, Willi, Du musst aufstehen. Es ist schon acht.” Er wäre gern noch bis zur Venus gekommen, um dann wieder auf dem Ast des Obstbaumes zu landen. Er stand auf und ging ans Tagwerk.

Wilhelm Holderied

Eine Insel für die Zeit - Ein Erdzeichen entsteht – 

An Island in Time – Genesis of a Landmark

Hirmer Verlag GmbH München, 1995

ISBN 3-7774-6680-8  Seite 23 – 27 

Text von Wolfgang Längsfeld:

VOM MOOSGEIST ZUR ZEITINSEL

 Der Allgäuer Wilhelm Holderied, der auf seine bäuerliche Herkunft so stolz ist, hat die Kraft für seine Kunst immer aus der Verbundenheit mit Landschaft und Erde gezogen. Die eigene Landschaft und die eigene Erde sind ihm von Haus aus eigen. Die Erde Spaniens und die Erde Lateinamerikas hat er sich zu eigenen gemacht.

 Erde ist ihm der vertraute Grund, auf dem er wurzelt und auf dem er sich bewegt. Erde ist ihm aber auch in Material für seine Kunst. Das Material Erde wird zum Bildgrund, auch zur Farbe, früh schon waren es zum Beispiel die wunderbaren Ocker-Erden von Roussillon, die er verarbeitet hat. Am liebsten ist ihm die nach Regen dürstende zerrissene Erde. Er hat Methoden gefunden, die Bilderde aufzusprengen wie einen Erosionsboden unter sengender Sonne. 

 Die Erde. Sie hat in unserer Sprache die doppelte Bedeutung des fruchtbaren Bodens und unserer Erdkugel. (Welch schöne Vorstellung liegt dem zugrunde, als bestünde dieser Erdball tatsächlich aus Erde!) Wilhelm Holderied braucht die Erde in beiderlei Sinn. Der Erd- und Heimatverbundene muss sie für seine Arbeit nutzen, und er muss reisen, muss heraus aus unserer engen und beengend durchreglementierten Welt. 

 Die Zeiten, da man sich nur zu Wasser und zu Lande auf der Oberfläche der Erde fortbewegen konnte, sind vorbei. Der Mensch hat sich den Traum vom Fliegen vor kurzem erfüllt. Heute gehört das Fliegen (Geflogen werden) für viele von uns zum Alltag. Das Fliegen und alles, was dazugehört, ist hochtechnisiert und logistisch durchorganisiert. Die immer gigantischeren Flugapparate und ihre Stationen gehören zu den monumentalsten Werken des Fortschritts.

 Solcherlei Gedanken muss Wilhelm Holderied gehegt haben, als man vor Jahren begann, den neuen Münchner Flughafen im Erdinger Moos zu realisieren. In die damals über weite Strecken noch verwunschene Moorlandschaft sollte ein möglichst unauffällig in die Ebene integriertes Stück funktionaler Großarchitektur gesetzt werden. Welch eine Herausforderung an den Künstler, hier seinen Beitrag zu leisten!

 Wilhelm Holderied wäre nicht der erd- und heimatverbundene Mensch und Künstler, der er nun einmal ist, wen er sich mit Ideen für Kunst am Bau oder Kunst im Bau oder Kunst auf der Freifläche vor dem Bau begnügt hätte. Er wäre auch nicht der klar denkende kritische Zeitgenosse, der er nun einmal auch ist, wenn er sich bloß fortschrittsbegeistert über das Superbauwerk gefreut und die Chance gewittert hätte, einen lukrativen Auftrag zu ergattern.

 Ich erinnere mich noch gut, wie Wilhelm Holderied seine Pläne in der frühen Phase seiner Überlegungen in Worte fasste. Da klang Wehmut mit über den Verlust eines Stücks Naturlandschaft und Trauer über den Verlust von Kultur und Tradition; denn in der Naturlandschaft leben die Reste unserer ursprünglichen Mythen und Märchen mehr denn anderswo.

 Ehe die Leute in Westafrika einen Urwaldriesen fällen, bitten sie ihn und die Geiste und Ahnen, die in ihm wohnen, um Verzeihung und bringen ihnen ein Opfer, ehe sie die Kettensäge ansetzen.

 Wilhelm Holderieds ursprüngliche Idee war es, den Moosgeistern, die in der dem Großprojekt zu opfernden Moorlandschaft noch überlebt haben müssten, ein Denkmal zu setzen. Nur sichtbar für jene, deren Heimat geopfert wurde, den Piloten, dem Bordpersonal und den Passagieren in den Flugzeugen.

 Holderied plante also kein Denkmal im Sinne der Skulptur, die sich als Monument über den Boden erhebt und von vergangener Größe zeugt. Er hatte vielmehr vor, das Bild eines Moorgeistes 650 Meter lang auf einem Feld in der Einflugschneise des neuen Flugplatzes auf dem Boden, auf der Erde der Geister des Moores, auf der eigenen Erde auszubreiten, um den Fliegenden für einen Moment zum Stutzen zu bringen und in ihm eine verschüttete Erinnerung an die ältesten Ahnungen und an längst verschüttetes Wissen wachzurufen.

 Daraus wurde trotz hartnäckiger Anstrengung, listiger Überredungskünste und mannigfacher Unterstützung nichts. Es obsiegten die Wissenschaftler der angewandten Menschenkenntnis mit der kurzen Bemerkung: Zu beängstigend.

 Dagegen war der Künstler machtlos; denn er konnte ja kaum widersprechen. Die schaurig schöne Beschäftigung mit Geistern und Gespenstern kann ja nicht nur Kindern einen Schreck einjagen. Aberglaube passt nun einmal nicht zum Fliegen, das nicht wenigen Zeitgenossen noch immer unheimlich, manchen sogar angsteinflößend ist. Nicht ohne Grund überspringen die meisten Luftfahrtgesellschaften die Reihe 13. Keine Chance also für den obendrein nicht gerade freundlich blickenden Moosgeist. 

 Das Verdikt konnte Wilhelm Holderied zwar irritieren, nicht aber zur Aufgabe bewegen. Fast solange es Geister auf der Erde gibt, gibt es auch Bauern, denen die Naturgeister vertraut sind und die ihre Bearbeitung der Erde in vielerlei Weise mit ihnen abstimmen. Der gepflügte Boden ist das sinnfälligste Bild für die zur Fruchtbarkeit aufbereitete Erde. Parallel gezogene Furchen, in Bögen der Landschaft und ihren natürlichen Bewegungen folgend, sind schon seit langem ein oft wiederkehrendes Motiv im Werk von Wilhelm Holderied. Er brauchte sich nur darauf zu besinnen. (Die fade Geometrie der rechteckigen Felder kam ja erst mit dem Wahn der Rationalisierung namens Flurbereinigung. Als seien die Fluren vorher unrein gewesen.)

 Wilhelm Holderied wäre umsonst weit gereist und bewandert in den Kulturgeschichten der Menschheit, hätte er nicht gelernt, dass das Ornament zu den ursprünglichsten Kunstäußerungen des Menschen gehört und dass es , wo immer es tatsächlich Teil einer Kultur und nicht bloß Dekoration ist, voller Bedeutungen steckt. Afrika, Südamerika und Australien sind noch heute voller Beweise dafür.

 Das Relief der gepflügten Erde mit ihren Furchen als Zeichen für den Wandel von der Naturlandschaft zur Kulturlandschaft: hier liegt der Ausgangspunkt für Wilhelm Holderieds neues, nun realisiertes Flughafenprojekt, das er zusammen mit Karl Schlamminger entwickelt hat. Konzentrische Kreise von Furchen und Erdwällen laufen aus in einen zweiten, kleineren Kreis, als wollten sie die Harmonie der ewigen Acht bilden, um dann doch zu entscheiden, sich selbst zu unterlaufen, und sich in Wellen in der Landschaft zu verlieren. Oder beginnen diese Furchen mit den Wellen und wandern in den großen Kreislauf? Beides ist richtig.

 Alles fließt: EINE INSEL FÜR DIE ZEIT.

 Unter dem Motte „Von Erdfurchen zu Bilderfurchen“ ist begleitend zur Realisation des großen Erdzeichens am neuen Münchner Flughafen eine Serie von Werkbildern entstanden, die den Gedanken der parallel gefurchten Oberfläche aufgreifen und die längst festgelegte Form reflektieren, variieren und erforschen. Besonders deutlich tritt in diesen Bildern die Herkunft des Motivs aus der Unendlichkeit versinnbildlichenden Acht zutage. 

 Besonders evident ist auch die Einbeziehung anderer Elemente aus dem Vokabular der Bildsprache von Wilhelm Holderied: das Kreuz, der Pfeil und auch die mehr und mehr abstrahierte Kopfform des einst geplanten Moosgeistes. 

 In dem Bild mit der Werknummer 1926 ergibt sich aus zwei bekannten Formelementen der Lichtschatten eines Flugzeuges. Er fährt über einen Halbkreis konzentrischer Furchen in weiß wie über eine Schneelandschaft. Hier – wie in kaum einem anderen dieser Bilder – bekommen die Linien des Oberflächenprofils auch den Charakter des Fingerabdruckes. Über eine Landschaft, welcher der Mensch seinen Fingerabdruck eingestempelt hat, zieht der Schatten eines seiner Werke. 

 Ganz vehement sprechen die Werkbilder auch von Wilhelm Holderied Verhältnis zur Farbe, Feuerhitze und Schneekälte sind präsent, manchmal dominant. In den wohlgehakten Zen-Gärten – auch so kann man das sehen – versuchen die Elemente einzudringen, das Menschenwerk zu verändern, es der Natur zurückzugeben.

 Die Insel für die Zeit ist sicherlich ein sehr diszipliniertes Werk Wilhelm Holderieds und Karl Schlammingers, ein streng geometrisches Gebilde, ausgeführt mit großer Kunstfertigkeit von Erdbaumeistern. Wie lange aber wird es bleiben, wie es am Tag seiner Fertigstellung sein wird? Die Künstler fordern nicht nur den Betrachter, der dieses Kunstwerk für kurze Zeit aus der Luft bemerken mag, dazu heraus, blitzschnelle Assoziationen zuzulassen, sie beziehen vielmehr die Natur selbst als Mitgestalter ein. Jedes Licht verändert das Zeichen. Jedes Wetter lässt es neu erscheinen. Pflanzen werden sich ansiedeln. Wasser wird in den Furchen stehen und wieder versickern. Das Werk wird kaum einen Tag so sein, wie es an einem vorausgegangenen war.

 Edvard Munch setzte viele seiner Bilder Wind und Wetter aus, ehe sie für ihn „fertig“ waren. Dieses Werk von Wilhelm Holderied und Karl Schlamminger wird nie fertig sein. Ich versuche, mir heute schon die Archäologen eines anderen Zeitalters vorzustellen und mir auszumalen, wie sie versuchen, den Sinn dieser monumentalen Wälle und ihrer Anordnung zu ergründen, und wie sie zuerst vermuten werden, dies sei wohl ein Platz für Zeremonien eines Kultes gewesen oder ein ritueller Ort. So denken sie immer.

 Aber werden sie damit ganz falsch liegen? Ist nicht der Atem des Moosgeistes in diesen Furchen und Wellen noch zu spüren? Ist Holderied hier vielleicht doch eine Übersetzung gelungen, ein Fortschreiben von Ältestem? Von der Landschaft des Moosgeistes zur Agrarlandschaft in eine Kulturlandschaft und weiter in eine Kunstlandschaft in immer noch demselben Geist? Ist dies ein Kontrapunkt im riesigen High-Tech-Landart-Werk, das dieser Flughafen selbst von oben aus betrachtet darstellt? Oder ist das eine gedankliche Ergänzung?

 Solange der Flughafen betrieben wird, mag er wachsen und sich damit verändern, aber er wird immer supergepflegt bleiben müssen wie ein Kunstwerk im Museum. Wilhelm Holderieds und Karl Schlammingers INSEL FÜR DIE ZEIT wird den Flugplatz wahrscheinlich überleben. Die Künstler selbst haben nur eine Voraussetzung geschaffen für die Natur, die daran weiterarbeiten wird. Jedenfalls solange, bis ein Bürokrat oder ein Denkmalspfleger oder ein Konservator dieses Erdzeichen doch für ein abgeschlossenes Kunstwerk erklärt und es zu Tode pflegen lässt. Dass dies nicht passiert, mögen die Künstler sicherheitshalber rechtzeitig testamentarisch verfügen; auch wenn sein Nutzungsvertrag nur bis zum Jahre 2004 reicht. Nachdem die Weltgeschichte manchmal bis nach München reicht, haben sich die Pläne für eine dritte Rollbahn im Erdinger Moos erst einmal verflüchtigt, und die Chancen für eine gute Entwicklungszeit des zukünftigen Biotops Erdzeichen stehen besser. Außerdem wird es ja sicher bis zum Jahre 2004 anständige zivile Senkrechtstarter geben. Die sparen nicht nur Unmengen zu versiegelnden Boden für Rollbahnen, sondern ermöglichen auch einen viel längeren Blick auf das Erdzeichen und das, was die Künstlerin Natur in Zukunft mit ihm vorhaben mag. 

Wilhelm Holderied

Eine Insel für die Zeit - An Island in Time 

Ein Erdzeichen entsteht – Genesis of a Landmark

Wilhelm Holderied / Hirmer Verlag München, 1995

ISBN 3-7774-6680-8  Page 23 – 27

Text by Wolfgang Längsfeld:

FROM MARSH-SPIRIT TO TIME-ISLAND 

 Wilhelm Holderied from rural Allgäu is proud of his agrarian origins. He has always drawn the energy for his art from his intimacy with the land and the earth. He has always felt himself to be at home in his own landscape and on his own soil. And he has since adopted the earth of Spain and the earth of Latin America, making them a part of himself too.

 Earth is the trusted, familiar ground in which he is rooted and upon which he moves. But he also uses earth as a material for his artworks. Earth becomes the ground of his pictures, the source of their colors. Early in his career he began working with the wonderful ocher earths of Roussillon. What he loves most is rain-thirsty, cracked earth. He has found ways to make the earth in his pictures burst like eroded soil beneath a burning sun.

 Earth: in our language the word has a double meaning, denoting both fertile soil and the planet earth. (What a lovely idea is captured here: as if our globe were really a vast ball of soil!) Wilhelm Holderied needs earth in both senses. As a man who feels profoundly linked to the soil and to his homeland, he must use soil for his work; and he must travel, must journey far beyond the confines of his own narrow and thoroughly regimented Central European surroundings.

 The days are over when travel (by sea or by land) was limited to the surface of the earth. Not long ago, humankind finally fulfilled its age-old dream of flight. Nowadays, many people regard flying (or rather “being flown”) as a normal part of everyday life. Flying and everything associated with it are well organized by high technology and state-of-the-art logistics. Larger and larger airplanes and increasingly extensive ground stations number among the most gargantuan monuments to high-tech progress.

 Wilhelm Holderied must have had similar thoughts when work began some years ago on Munich’s ne airport in Erdinger Moos (Erding Marsh). Large expanses of the naturally marshy landscape still slumbered under an ancient spell, but soon a huge piece of functional architecture would be integrated into the broad, flat landscape. What a challenge for an artist to make a contribution here!

 Wilhelm Holderied wouldn’t be the earth-intimate and homeland-intimate man and artist he is if he had been content merely to contribute some ideas for “art in public places” or “art in a free space beside a public place.” Nor would he be the clear-thinking, critical, contemporary citizen he is if he had joined in the general chorus of enthusiasm for progress that accompanied the gigantic construction project. Holderied was not sniffing a chance to reap a tidy profit.

 I clearly remember his words as he described his plans in their early phases. I heard his regret at the loss of a piece of natural landscape, his grief at the loss of culture and tradition, his awareness that natural landscapes are refuges where, more than perhaps anywhere else, the remnants of our original myths and fairytales still survive.

 Before people in West Africa cut down a giant jungle tree, they beg forgiveness from the spirits and ancestors who live in that tree – and they bring them a sacrifice before they start their chain saw.

 Wilhelm Holderied’s original idea was to make a monument to the marsh-spirits who must have survived in the marshy landscape that was to be sacrificed for the huge airport construction project. The monument would be seen by those for whom this habitat had been sacrificed – the pilots, cabin crews and passengers in the airplanes.

 Holderied wasn’t planning to raise a memorial in the sense of a sculpture to be erected above the ground as a remembrance of past greatness. Instead, he wanted to spread a marsh-spirit’s likeness across 650 meters of ground, across the marsh-spirit’s land, across the artist’s own earth, and thus cause a flyer to take notice for a moment, to reawaken a deeply submerged memory slumbering in the depths of the mind.

 But the artist was powerless: how could he disagree with opponents of the artwork who argued that the scary yet pleasantly thrilling belief in spirits and ghosts can become a source of very real fear for grownups and children alike. Superstitions shouldn’t be mixed up with flying, especially because not a few of our contemporaries still feel uneasy – if not downright phobic – when the time comes to “fasten your seatbelts.” It’s no coincidence that most airlines do not include a thirteenth row of seats in the cabins of their jet liners, skipping instead from row 12 directly to row 14. And the expression on the Moosgeist’s (Marsh-Spirit’s) face wasn’t all that friendly either….

 The verdict dismayed Holderied, but it couldn’t make him quit. For almost as long as spirits have lived on earth there have also been farmers who are on familiar terms with those spirits and who work the soil in harmony with them. The cultivated field is the most obvious symbol of the earth’s fertility.

 Parallel furrows following the contours of the landscape and following their own innate movements have long been a recurrent motif in Holderied’s work. All he needed to do was to return to that motif. (The bland geometry of rectangular fields did not begin until the madness of efficiency called reallocation of land. As if the land wasn’t already located – and allocated –beforehand!)

 Holderied ‘s world travels and his studies of our planet’s cultures and their histories would have been in vain if they hadn’t taught him that ornaments are one of humankinds most fundamental artistic expressions. Wherever ornaments are still an integral part of culture and have not become mere decoration, ornaments are still filled with meaning. Abundant proof of this fact can be gathered today throughout Africa, South America and Australia.

 The topography of the ploughed earth and its furrows as a sign of the change from a natural landscape to a cultured and cultivated landscape: this was the point of departure for Holderied’s new airport project, which he developed together with Karl Schlamminger and which is now complete. Concentric circles of furrows and earthen ridges lead to a second, smaller circle, as if they wanted to form the harmony of the eternal figure eight, but then they decide to subvert their own order and lose themselves as waves in the landscape. Or do the furrows begin in the waves and then wander into the grand circulations? Both interpretations are correct.

 Everything flows: AN ISLAND IN TIME:

 Under the motto “From Earth-Furrows o Picture-Furrows” and accompanying the realization of the gargantuan Earthsign at Munich Airport, Holderied created a series of paintings which explore the idea of parallel furrowed surfaces. These pictures reflect upon, vary and inquire into the long-since determined shape of the Earthsign. In these smaller pictorial works, it is especially clear that the origins of the Earthsign motif lie in the symbol of infinity – the figure eight. 

 The inclusion of other elements from Wilhelm Holderied’s pictorial vocabulary is also clearly evident: the cross, the arrow and the increasingly abstracted shape of the head of the originally planned Moosgeist (Marsh-Spirit). 

 In picture number 1,926, the artist combines two familiar formal elements to create the shadow of an airplane. The shadow travels across a white semicircle of concentric furrows, as if an airplane were flying over a snow-covered landscape. More so than in perhaps any other of these works, the lines of the surface topography bear a district resemblance to a fingerprint. The shadow of a work of man crosses a landscape stamped with the print of a man’s finger. 

 These pictures also speak with passion about Holderied’s relationship to color: fiery heat and snowy cold a present, sometimes even dominant. It is a carefully raked zen garden (the Earthsign can also be understood as such), but nature’s elemental forces are ever eager to penetrate into the garden, to transform this work of man and return it to nature.

 AN ISLAND IN TIME is unquestionably a highly disciplined word by Holderied and Schlamminger. It is a severely geometrical form, skillfully crafted by virtuosic earthmovers. But how long will the Earthsign remain what it was on the day of its completion?Not only do the artists invite a beholder who glimpses this artwork from the window of a passing airplane to allow himself to experience a sudden inspiration, they also involve nature herself as a co-designer. Every ray of sunlight changes the appearance of the Earthsign; every change in the weather gives it a new look. Plants will take root here. Each day, the artwork will become something different from what it was the day before. 

 Edvard Munch exposed many of his paintings to wind and weather before he considered them “finished.” This earthwork by Wilhelm Holderied und Karl Schlamminger will never be “finished”. I imagine myself in the place of future archaeologists trying to fathom the meaning of these monumental walls and their unique arrangement. Will they assume that this was a ritual site for the performances of some forgotten cult’s ceremonies? Archaeologists always think like that. 

 But would they really be mistaken? Cannot the breath of the Moosgeist still be felt in these furrows and waves? Has Holderied successfully translated his original idea into a different yet related form? From the landscape of the marsh-spirit to cultivated landscape and finally to a cultural landscape – and all in the same spirit? Is this a fitting counterpoint to the gigantic work of high-tech Land Art that one sees when one views the airport itself from above? Or is it a conceptual complement?

 As long as the airport continues to thrive, and even if it expands and changes it shape, it will always be painstakingly cared for like an artwork in a museum. Holderied and Schlamminger have made AN ISLAND IN TIME that is very likely to outlive the airport. The artists have created conditions for nature, and it is she who will continue to craft the Earthsign – at least until some bureaucrat, some protector of historic monuments or some curator declares the Earthsign as a finished artwork and decrees that it be preserved to death. That this fate might never befall the Earthsign is a condition that ought to be written into the artists’ last wills and testaments, even if their lease to use the site only lasts until the year 2004. World history sometimes reaches as far as Munich; plans for a third runway in Erding. Marsh have been abandoned for the moment. Chances are therefore favorable that the Earthsign will continue to evolve as a healthy and diverse biotope. And besides, by 2004 there will surely be plenty of vertical-takeoff airplanes in civilian aviation. Vertical takeoffs would rescue vast expanses of our planet from being paved as runways and would also give passengers much more time to gaze down at the Earthsign – and at whatever it is that the feminine artist named Nature might be planning for it in years to come.

Wolfgang Längsfeld Texte, mit freundlicher Genehmigung von Wilhelm Holderied: